5.12.2015

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Felicitas Kretschmann

zur Lesung in Bad Salzschlirf
augenblick

WIESENBLUMENZEIT

Urlaub. Aufatmen. Ich gehe durch Wiesenrain und Wald. Mit jedem Schritt lasse ich einen Teil meiner täglichen Gewohnheiten zurück, die vielen kleinen und größeren Strapazen.
Ich stehe an einer Wiese kurz vor dem ersten Grasschnitt. Blüte an Blüte. Eine Farbenpracht lacht mich an: Himmelblaue Glockenblumen neben Knöterich und Hahnenfuß, rosa Lichtnelken, Wiesenschaumkraut, der Storchschnabel zwischen Gräsern und schneeweißen Margariten. Und natürlich Klatschmohn. Alte Stengel und ganz junge, die Blüten gespritzt mit satter knallroter Farbe. Als habe einer diesem Ort noch eine Krone aufsetzen wollen, ragen hier und da einige Trollblumen hervor mit ihren goldgelben Rosenknospen-Köpfchen.
Blütenblätter schimmern wie hauchdünne Seide; auch Kelchblüten, geeignet als Wasserreservoir für trockene Zeiten neben dicken stachligen Kugelblumen, die sich wohl zu wehren wissen.
Wiesenblumen im Sonnenlicht. Sie glitzern und funkeln in allen Regenbogenfarben. Sie schmiegen sich aneinander, buntvergnügt und mit dem nur ihnen ureigenen Duft.
Ich sehe, wie sich die Pflanzen einander zuneigen, miteinander im Winde drehen, sich berühren, wie sie zusammen spielen, sich necken. Ich schaue auf die unterschiedlichen Blattformen, die Kunst der Blüten, die Farbnuancen.

Zugleich erkenne ich eine Unzahl kleiner und kleinster Tiere. Sie krabbeln umher. Sie surren. Sie spinnen ihre Netze und springen fröhlich und vergnügt. Vor meinen Augen jubiliert es, ein Gewimmel, ein Auf und Nieder. Es knistert und knackt, es jauchzt und schöpft und tanzt wie in einem bunten Reigen. Die Luft zerspringt beinahe vor Glück, als sei hier alles auf Brautschau oder zu Flitterwochen unterwegs.
Vor mir, mitten in einer saftigen Rotkleeblüte ruht ein kleiner bunter Schmetterling. „Siehst du schön aus,“ flüstere ich und versuche, ihm mit einem Finger die häutigen Flügel zart zu berühren, Flügel, die mit lauter winzigen schillernden Schuppen bedeckt sind. Aber kaum gelange ich in seine Nähe, da schwingt er sich schon wieder hinauf. Locker und leicht fliegt er ein paar Kurven und schaukelt nun in sicherer Entfernung zu mir an einem Grashalm.
Ich muß ihm tatsächlich wie ein Riese vorkommen. Ob Schmetterlinge sich auch fürchten können? 
Ich lege mich ins Gras hinein, ich fühle mich wohl. Ich atme tief. Meine Lippen öffnen sich ein wenig. Und plötzlich weiß ich, das ist nicht nur eine selten schöne Wiese, das ist Schöpfung, und ich bin mittendrin.
Ich schmecke Honig, rieche Heu von morgen, fühle Lebendiges, schaue in ein Gesicht.
Ich entdecke den Sinn der Langsamkeit, von Einatmen und Ausatmen, Schweigen, Schauen und Zuhören. Ich freue mich am Licht, verliebe mich in Farben, in Quellen von Wärme und Sympathie. Ich vergesse für einige Zeit, was mich beschwert.
Ich genieße: einatmen und ausatmen, einatmen und aufatmen
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